Oh, ich kann es selbst kaum fassen. Zum ersten ist dieser Blogeintrag auf Deutsch verfasst - der zweite in knapp vier Jahren (der erste war am ersten Weihnachtstag, mit demselben Inhalt in Form einer Kurzgeschichte - ach, war das lustig!) -, zum zweiten habe ich doch tatsächlich heute den ersten Holundersaft meines Lebens selbst hergestellt. Obwohl ich ja genügend Stunden Unterricht vorbereiten könnte und sollte - nein, heute Nachmittag verbrachte ich keine Zeit mit Lesen (lediglich zwischen 14.30 Uhr und 15 Uhr) meines aktuellen Buches "Julie & Julia", wobei genau das der Beweggrund (oder zumindest einer der vielen Beweggründe) gewesen sein kann, der mich tatsächlich dazu motivierte, einen Saft zu produzieren. Julie Powell versucht ihren Alltagsfrust durch das Kochen aller Gerichte der Meisterköchin Julia Child loszuwerden und schreibt ihre Erfahrungen auf ihren Blog.
Ich stehe in keinem Alltagsfrust und ich befolge auch kein Rezept - genau wie bei meiner Muffinproduktion: jede Woche werden einfach mehrere Zutaten durch neue ersetzt und am Ende scheint es, als sei dieser eine Muffin, den man gerade verzehrt, eine völlig neue Entdeckung, eine noch nie da gewesene Köstlichkeit, deren Ursprung man nicht zu erforschen vermag. So empfindet es der Tester, während die Bäckerin einen Bissen probiert, die Stirn runzelt und vor sich hinmurmelt: "Da fehlt doch noch irgendetwas.", denn allem Anschein nach kann etwas nie gut genug schmecken.
Bei Holundersaft allerdings, ist das anders. Holundersaft schmeckt (ungesüßt) sowieso nicht, egal, was man tut. Und wenn man den kleinen Zuckerteufel hinzufügt, kann man kaum noch von einem natürlichen Saft sprechen. Muffins dagegen, dürfen gesüßt sein - aber wehe der Backmischungshexe, die das schlussendlich entspringende Gourmetgedicht zu einem Fertigprodukt (und damit zu einem Giftgemisch) werden lässt.
Nichtsdestotrotz - das soll ja eigentlich nicht das Thema sein - wenn man einmal einen Gedanken weiterverfolgt, der sich vom Eigentlichen entfernt, findet man sich schneller in Timbuktu, als man das Wort "Eisbrecher" sagen kann, schrecklich!
Ich hatte doch tatsächlich ein weißes Top an. Und jedes Kleinkind weiß, dass Holunderbeeren dunkelviolette Flecken auf Kleidung, Möbeln, Geschirr (und weißen Tops) hinterlassen, die nicht wieder auswaschbar sind - selbst die Hände müssen mehrmals gesäubert werden, damit sie nicht so aussehen, als seien sie abgestorben (erfroren auf einer eiskalten Antarktis-Spedition im Rahmen einer Hochschul-Exkursion oder wie auch immer die Ausrede dafür lauten würde). Doch selbst nach intensivem Schaffen blicke ich auf mich hinab und kann keine violette Spur entdecken - das ist unglaublich! Selbst beim wöchentlichen Muffinsbacken schafft es ein klitzekleiner Spritzer Teig im letzten Moment noch auf mein T-Shirt - keine Ahnung, wie das immer passiert.
Nachdem ich mich verzweifelt verrenke, um vom Balkon aus noch die besten Holunderbeeren vom Busch unseres Gartens zu erhaschen, hilft mir meine unglaublich coole kleine Schwester nach dem Mittagessen sehr geduldig, die einzelnen Beeren zu sortieren. Man darf ja nur die glatt-schimmernden nehmen, da die anderen einen chemischen Stoff enthalten, der Brechreiz und Durchfall verursachen kann. Nach einer Mandelentzündung wäre das kein besonders netter Weiterverlauf der Genesung.
Anna-Pia ist so schnell beim Auslesen, dass ich kaum hinterherkomme, ihr Beeren zu liefern. Knapp zwei Stunden später wage ich mich an den Herd und koche das Obst (oder was auch immer es ist). Weil mir der Trank zu langweilig erscheint füge ich noch ein paar Äpfel und Zimt (mein heißgeliebtes Lieblingsgewürz) hinzu.
Nach einer halben Stunde habe ich die 0,3l Saft in eine Flasche gefüllt und spüle die unzähligen, lila-gefärbten Küchenutensilien und schiele immer wieder stolz auf den Drink zu meiner Linken.
Ich habe tatsächlich Holundersaft gemacht.
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