"Sometimes we need to burn our bridges in order to walk ahead."

December 25, 2009

Der erste Weihnachtstag

Zu erst einmal, ja, dies ist in der Tat der erste, allererste Blogeintrag, der nicht nur ein deutsches Zitat enthält, sondern tatsächlich auch in deutscher Sprache verfasst ist. Kaum zu glauben, aber wahrlich geschehen doch Wunder - vielleicht auch nur, weil Weihnachten ist und irgendjemand, ein treuer Blogleser vielleicht, den Wunsch geäußert hat, der da lautete: Bitte lieber Gott, lass Chrissy wenigstens einen einzigen Eintrag auf deutsch schreiben. So wahr ich der Autor dieses Blogs bin und so wahr ich wahrlich um den heißen Brei herumrede, so schreibe ich tatsächlich deutsches Deutsch und wage zu behaupten, dass Gott (oder der Weihnachtsmann) dem Wunschkind einen Weihnachtswunsch erfüllt hat.
So, nun zum eigentlichen Thema, der kleinen Kurzgeschichte, Anekdote oder wie auch immer man das Folgende nennen mag. Es handelt sich um eine Erzählung, die durchaus die eine oder andere Tatsache enthalten kann, aber nicht zwingend muss. Wer sich nun fragt "Wie lange hat diese Dame gebraucht, um den Text bis hier hin zu formulieren", dem sei geantwortet: drei Minuten. Worte können fließen, ja wohl, das können sie und ich muss mich wahnsinnig anstrengen, um die Gedanken mit Worten verfolgen zu können, denn während ich diesen Satz schreibe, denke ich schon an den nächsten... so ist das mit literarischer Inspiration.
Nun aber zu der Geschichte. Ich nenne sie "Der erste Weihnachtstag", sie ist deshalb in der personalen ich-Perspektive geschrieben, weil mir jene erlaubt, personal zu sein, sprich: nicht neutral.

Der erste Weihnachtstag

Von des Pfarrersreden sagten alle, sie seien sehr gut, nahezu sehr sehr gut gewesen. Ich wünschte, ich könnte das bestätigen, aber meine einzige Anstrengung an dem heutigen Vormittag lag darin, die Augen nicht zufallen zu lassen, was mich wirklich Überwindung gekostet hatte. Jetzt stehe ich vor dem Kirchengebäude und warte darauf, dass meine Familie sich von den Gesprächsbemühungen der Mitkirchgänger lösen kann, was mich ebenfalls Überwindung kostet, da ich lieber innerhalb des Gebäudes warten würde, weil hier draußen ein heftiger, eisiger Wind um meine Ohren bläst - ich es aber doch vorziehe, hier zu warten, weil ich drinnen vom selben Problem geplagt werden könnte. Ein junger Herr, Mitte Zwanzig, passiert mich. Zuerst nehme ich ihn nicht wahr, er mich auch nicht, dann aber schaue ich ihn kurz an, er mich auch. Schneller als ich denken oder reagieren kann, ist der Moment vorbei und ich denke mir "Mist! Den kannte ich doch irgendwoher." Mein Herz klopft heftig während ich mich doch dazu entschließe meine beste Freundin noch einmal aufzusuchen, um ihr das zu erzählen. Begeistert scheint diese nicht, sie weiß nicht, von wem ich rede.
Wie dem auch sei, eine Stunde später sitze ich beim Racletteessen am Esstisch. Die ganze Verwandtschaft, samt Oma und Opa, Schwager, Neffen und Nichten, sind anwesend und jeder streitet sich um den Käse, der am wenigsten Fett hat. Nur nicht mein Schwager, der sagt laut "Ist doch Pups! Wen kümmert das, wenn ich einen Gramm Fett mehr auf den Hüften habe?". Recht hat er. Aber ich will trotzdem den Käse mit 15% Fett i. Tr. (anstatt den mit 45% Fett i. Tr.).
Als ich mich anbiete, Kaffee für alle zu machen (in Gläsern: dann sieht man nämlich genau 4 verschiedene Farben: die dunkelbraune Milch ganz unten, die etwas dunklere Milch-Kaffee-Emulsion darüber, der schwarze Kaffee und der weiße Milchschaum ganz oben). Nachdem ich die erste Tasse fertig habe, denke ich "Warum eigentlich einzeln machen, wenn ich doch zwei Tassen gleichzeitig unter die PETRA [die Kaffeemaschine] stellen kann?". Das zweite und dritte Glas ist fertig, ich versuche beide vorsichtig herauszunehmen, scheitere jedoch bei diesem Versuch: die eine Tasse kippt um und das frisch gebrühte Kaffeewasser läuft mir über meine Hand. Den restlichen Nachmittag verbringe ich mit einem Quarkwickel um meine rechte Hand und ich komme mir vor wie ein Boxer, der immerzu sagt: "Hast du eine falsche Sicht, haste ne Quarkhand im Gesicht".
Meine Nichte (4 J.) packt voller Freude eine neue Spielkasse (mit Scanner und Laufband) aus. Mein Neffe (2 J.) bekommt einen Bus. Ihn scheint dieses Geschenk jedoch nicht ganz so sehr mitzunehmen, wie die Kasse seiner Schwester. Den ganzen Nachmittag bettelt er "Ich will Verkäufer sein". Bald schon bringt er die Kasse zu seinem Vater und sagt "Kaputt", woraufhin dieser entdeckt, dass das Laufband aus seiner Bahn gerissen ist. Tja, da lässt sich leider nichts machen, man braucht Schraubenzieher, Sekundenkleber und viel Zeit. Mindestens einer dieser Voraussetzungen kann nicht erfüllt werden. Einige Minuten später sagt mein Schwager "Oh, war der hier [der Bus seines Sohnes] im Sonderangebot, weil er davor einen Unfall gebaut hat?". Tatsächlich entdecken wir, dass der Bus schon ein paar Macken abbekommen hat (ob die nun von einem vorhergegangen Zusammenprall mit einem anderen Auto/Bus stammen oder von dem kindlichen Spielgeist, wollen wir nicht erörtern.
"Du magst den Kaffee nicht, oder?", fragt Schwester Nr.1 Schwester Nr.3. Schwester Nr. 3, die von Schwester Nr. 1 Kaffee mit Vanillegeschmack bekommen hat, hasst Kaffee abgrundtief, was sie natürlich nicht zugeben will, weil man an Weihnachten für alles dankbar ist und sich für jedes Geschenk bedankt, sei es nun ein Gutschein von Peter Hahne (da gibt's hübsche Broschen... allerdings für das Alter 70+) oder eine dämliche Kerze, die nach den Feiertagen in den Müll wandert, weil man bereits die letzten 25 Jahre eine Kerze bekommen hat. Wer soll sich denn an alle Geschenke der letzten Jahre erinnern, das ist doch ein wenig zu viel verlangt, oder etwa nicht?
"Ich habe heute Todo F. in der Kirche gesehen, warst du nicht einmal in ihn verliebt als du zwölf warst?", fragt Oma angeheitert.
"Nein, war ich nicht und ich glaube auch nicht, dass er heute da war, Omi!", lüge ich.
"Ehrlich?" Meine Schwester ist verblüfft. "Schatz, ruf ihn doch an, dann laden wir ihn am Montag zum Essen ein, und du kommst einfach auch, Süße", meint sie dann zuerst an ihren Gatten, dann an mich gewandt.
"So ein Ärger, ich hab am Montag Tennis", gebe ich zurück.
Mist! Ich lese die Frage in allen Gesichtern. "T-Tisch-t-tennisss, meine ich, T-t-isch-kicker mit Freunden, ihr wisst schon..."

Inzwischen schreit mein Neffe verzweifelt, weil er seinen Bus nicht mehr finden kann. Und die Nichte schreit, weil ihr Bruder ihre Kasse verkrampft in den Händen hält und mein Opa sagt "Ach, wie schön, dass einmal die ganze Familie zusammen ist."
Ich lächele ihn freundlich an.

"Deine Hand stinkt", sagt meine Schwester, die neben mir auf dem Sofa sitzt.
"Hast du die falsche Sicht, haste ne Quarkhand im Gesicht", erwidere ich.
Ich wende mich meiner schluchzenden Nichte zu. "Na, Mirabelle, hast du Hunger auf Quark?" Misstrauisch sieht sie mich an, während ich auf meine Quarkhand deute und schüttelt den Kopf.

"Wieso habe ich den Traktor nicht bekommen?", heult mein Neffe.
"Schatz, wünsch' ihn dir zum Geburtstag!", sagt seine Mama liebevoll.
"Ich will noch Kekse", ruft meine Schwester Nr.2.

Mein Opa stößt einen zufriedenen Seufzer aus: "Ach, wie schön, dass die ganze Familie zusammen ist."

© by Chrissy

1 comment:

Rapha said...

Inwiefern diese Geschichte der Wahrheit entspricht, ist mir egal. Auf jeden Fall ist sie köstlich, Chrissy. Etwas lustiger als bei uns.:)